Lele war heute, 13. März in der Lohse und hat mit großer froher Energie mit mir zusammen mehrere Säcke mit alten Kleidern, alten Schuhen und die ganze Küche entrümpelt bis ca. 16 Uhr. Es war wunderschön.

10.03.26 Reise Floripa – Köln

Am 10.03.26 ging es von Floripa nach São Paulo und von dort aus nach 11 Stunden weiter nach Frankfurt. In den ersten Tagen in Köln habe ich ein wenig aufgeräumt, bin früh ins Bett gegangen und habe den Jetlag auskuriert.

Heute, am Sonntag, dem 15. März, ist ein typischer Verunglücktag ...

Am Dienstag, dem 31. März, beschäftigt mich:
- habe ich mithilfe von ChatGPT eine interessante Spur entdeckt, die mir zeigt, wie ich meine regelmäßigen langen energetischen Einbrüche trotz meiner gesundheitlichen Einschränkungen bewältigen kann.
- Ich versuche mir Zeit für den Blog zu nehmen
- Berlin steht an... Wann?

Letzter Morgen in Floripa

Es war Dienstagmorgen, der 10. März. Ich war erfreulich normal früh wach geworden, nahm nach meinem festen Ritual zuerst mein L-Thyroxin ein und legte mich dann noch einmal ins Bett. Dort döste ich noch ein wenig, bearbeitete E-Mails und erledigte ein paar Telefonate. In Deutschland war es ja bereits 11 Uhr, und so konnte ich zwischen elf und zwölf schon einiges regeln — unter anderem mit Boris wegen der Holzhandlung sprechen.

Danach nahm der Morgen seinen gewohnten Lauf: duschen, etwa zwanzig Minuten Yoga, dann langsam das Frühstück vorbereiten. Das alles dauert bei mir inzwischen gut anderthalb bis zwei Stunden. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit, weil sich einige meiner späteren Medikamente für Prostata und Entzündungen nicht gut mit dem L-Thyroxin vertragen. Anderthalb Stunden Abstand sollten es mindestens sein, besser zweiei.

An diesem Abschiedsmorgen allerdings war alles ein wenig anders. Ana kam ungewöhnlich früh und verwöhnte mich geradezu fürstlich mit einem wunderbaren Frühstück — eine liebevolle Mischung aus brasilianischer Küche, meinen deutschen Vorlieben sowie Rücksicht auf Glukose, Energiebedarf und all die kleinen medizinischen Eigenheiten, die inzwischen zu meinem Reiseleben gehören. Das war nicht nur praktisch, sondern auch rührend.

Danach packte ich noch einmal mit großem Ernst und beinahe sportlichem Ehrgeiz. Mein Plan war nämlich, nur mit dem herrlichen großen Rucksack zu reisen, den Carlotta mir geschenkt hatte. Ein schöner Plan — nur leider waren allein meine Medikamente bereits in der Lage, zwei Drittel dieses Rucksacks für sich zu beanspruchen. Ana hatte dann die kluge Idee, noch rasch zum preiswerten chinesischen Supermarkt zu fahren und eine kleine Reisetasche zu kaufen. Ich musste ja erst um 12 Uhr aus dem Haus, und es war gerade einmal 11 Uhr. Erstaunlicherweise gab es keinen Stau, obwohl noch viele Touristen auf der Insel waren. Aber um diese Zeit lagen sie glücklicherweise offenbar alle am Strand. Das Wetter war wunderbar: leichter kühler Wind, etwa 28 Grad.

Und tatsächlich: Der Chinese hatte einen passenden kleinen Stoffkoffer. Damit war das Gepäckproblem gelöst — und ich konnte sogar noch die grünen, aber schon pflückbaren Bananen von unserem kleinen Bananenwald am Eingang abschneiden, um sie nach Deutschland mitzunehmen mit dem ehrgeizigen Plan, sie in Deutschland gelb werden zu lassen. Mal sehen, ob das klappt. Im Moment sind sie jedenfalls noch sehr grün.

Nachdem ich den Leihwagen völlig problemlos zurückgegeben hatte, war ich innerhalb von zehn Minuten am Flughafen. Dort aß ich zum Abschied noch ein paar kleine Käseteilechen — fast wie ein letzter brasilianischer Gruß — und stieg dann mit meinen beiden Gepäckstücken ein wenig traurig, aber auch gespannt ins Flugzeug.

Die Spannung hatte ihren Grund. Ich fragte mich durchaus mit etwas Beklemmung, ob ich diesen großen Flug ganz allein mit meinen inzwischen größeren Einschränkungen gut bewältigen würde. Schon die Distanz zwischen Ankunfts- und Abflugterminal von São Paulo ist enorm, dazu all die Ladenflächen mit Schokolade, Alkohol und anderem Glanz, die einen leicht von den wirklich wichtigen Richtungs-Schildern ablenken. Also hatten wir mein Alter von 84 Jahren diesmal ganz pragmatisch eingesetzt und bei Lufthansa einen Transportservice beauftragt.

So etwas hatte ich schon einmal in Lissabon gemacht — mit unerquicklich schlechtem Ausgang. Damals stand ich plötzlich allein irgendwo am Flugzeug, das nicht an einer Fluggastbrücke lag, sondern per Bus erreicht werden musste. Ich verpasste tatsächlich den Flug nach Deutschland, und die Sache wurde kompliziert. Ich kam mit dem nächsten Flieger dann erst um Mitternacht nach Frankfurt, wo aber kein Bundesbahn Zug mehr nach Köln fuhr! Glücklicherweise war damals Daniel in der Nähe, hatte gerade einen Workshop beendet und konnte das Flughafenhotel buchen und auch dort übernachten. Wir fuhren am nächsten Tag mit dem Auto nach Hause. Rückblickend war auch das ein Abenteuer mit viel gemeinsamem Spaß. Aber diese Minuten und Stunden des Schreckens allein auf dem Rollfeld wollte ich auf keinen Fall wiederholen.

Diesmal lief es allerdings nicht nur gut, sondern geradezu unterhaltsam — kräfteschonend und auf sehr brasilianische Weise herzlich. Ich wurde direkt an der Fluggastbrücke abgeholt. Als ich vorsichtig anmerkte, dass ich durchaus kurze Strecken laufen und auch Treppen steigen könne, reagierte man fast entsetzt und setzte mich umgehend in einen Rollstuhl. Ich wurde mühselig die Schräge hinaufgeschoben, ein Hindernis für all die eilig laufenden Menschen – aber dann mit Vorzugsbehandlung in den Fahrstuhl bugsiert. Einmal wollte ich eigentlich gern kurz aufstehen, aber das war offenbar regelwidrig. Die Fahrerin drückte mich mit freundlicher Entschiedenheit wieder in den Sitz. Lieb, aber bestimmt – ich ergab mich in mein Schicksal als „Behinderter“. Also gut: dann eben königlich reisen.

Und dann wurde es beinahe surreal, ein organisch sich ständig veränderndes Theaterstück bot sich mir dar – mir, der ich in meinem Rollstuhl erschreckt, neugierig und erstmal sehr verunsichert saß, und rätselte, was da los ist – mein Lebenstrauma wurde wach: „Was ist da los???, bin ich in Gefahr? Muß ich was machen?“ Um mich wurden ständig neue Protagonisten mit Behinderung eingeliefert, neu positioniert, mit bereits vorhandenen leidenden oder auch fröhlichen Behinderten vermischt. Kinder rasten herum und spielten Fangen – Einzelkinder saßen verschreckt auf ihrem Stuhl… Faszinierend waren die unterschiedlichsten „Haltungen“ der Nicht-Gehfähigen mit tragischer oder auch froher Ausstrahlung. Einige reisten mit halber Großfamilie, die sich mit beeindruckender Hingabe um Vater, Mutter, Opa oder sonst wen kümmerte. Es war ein einziges Durcheinander aus Fürsorge, Aufregung, Lautstärke und Improvisation. Mir gegenüber brach plötzlich eine Frau im Rollstuhl zusammen und übergab sich so heftig, dass ich erschrocken versuchte aus meinem distanzierten Beobachter-Rollstuhl zu kommen – und plötzlich war ich mitten drin! Ich war nun gefordert – Ich war mitten auf der Bühne und musste meinen Part spielen – es gibt nichts, was mich so ekelt wie Kotze. Alle schauten zu mir, zu ihr und den anderen nahen Nachbarn. Ich erhob mich aus meinem Rollstuhl – verriet damit, dass ich durchaus beweglich bin – suchte mit meinen Blicken nach einer Decke, Tuch, Eimer um diesen Ekelschwall aufzunehmen, zu stoppen… Die junge Nachbarin – wohl Tochter oder Begleitperson – sah mich an, und schüttelte leicht den Kopf, zog eine steife Tüte hervor und schippte mit einer bereits beschuhten Hand das ganze ekelhafte Erbrochene in diese Eimer-Tüte. Es war mir bewegend und erleichternd, zu erleben, wie liebevoll und cool die Kranke von ihrer Begleiterin betreut wurde. Die Kranke selbst blieb reglos, grau, leidend eingesperrt in ihre Krankheit und in ihren Rollstuhl und ich durfte wieder von der Handlungs-Bühne, die kurz im Zentrum war, zurück in meinen Beobachter-Rollstuhl.

Zwischen den beiden Terminals gibt es einen großen Sammelraum für alle Rollstuhl- und Transportdienste, wo die Ankömmlinge in Gruppen zusammengestellt wurden je nach Flugziel. In einem unheimlichen Gewimmel kamen ständig neue Behinderte, Alte wie ich im Rollstuhl, Einzel-Kinder, Familien oder auch Einzel-Reisende mit einer Service-Frau. Wir wurden dann in „Ausgangs-Gruppen“ eingeordnet je nach Flugziel. Ich war plötzlich in einer Welt von Menschen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen, mit ihren Familien, Begleitpersonen, Helfern und Koffern. Es musste neu sortiert werden: Wer wohin musste, welche Ziele übereinstimmten, wer mit wem weiterfuhr. Manche hatten sich fast häuslich eingerichtet und schliefen auf Bänken und auch auf dem Boden. Das Ganze hatte etwas von einer Theater-Auführung— manchmal rührend, manchmal chaotisch, manchmal urkomisch und stellenweise auch erschreckend hart.

Und mitten in diesem seltsamen Zwischenreich aus Fürsorge, Drama und Komik trat dann noch beeindruckend noch ein sehr massiger blinder Riese auf, den seine Familie mit großem Ernst und großer Fürsorge hereinführte und setzte, als wäre er ein König oder ein alter Mafiapate. Man half ihm sogar bei jeder Handbewegung. Als ihm dann etwas herunterfiel, griff er blitzschnell zu und hob es selbst auf. Niemandem außer mir schien das bemerkenswert zu finden. Sie kannten das wohl und fanden es „normal“. Ich musste innerlich lächeln — nicht aus Spott, sondern weil dieser kleine Moment so viel über Würde, Familienliebe und eigene Fähigkeiten erzählte. Vielleicht hatte der blinde König sein Gehör so geschult, dass er wusste, wo das heruntergefallene Teil liegt – er wurde von seiner Entourage jedenfalls mehr als nur geliebt, er wurde still verehrt, was in dieser lauten Dramenwelt ein beeindruckender Kontrapunkt war

Mit großem, lauten Organisationsgetöse von vier kräftigen Frauen wurde nun meine Gruppe zusammengestellt zur Hälfte zu einer Maschine nach London und zur anderen Hälfte nach Frankfurt. Und in meiner Gruppe waren einige verängstigte Einzelreisende im Rollstuhl, zwei schwatzhaft aufgedrehte alte Herren, die angestrengt Fröhlichkeit verbreiteten, sowie kleinere Familien und mehrere Einzelreisende ohne sichtbarer Beeinträchtigung. Der Transport zu den Flugzeugen im anderen Terminal war wieder ein Abenteuer der inneren Art. Wir waren ja alle Behinderte, irgendwie Eingeschränkte, Kranke. Als Gruppe sind wir bewusst oder unbewusst nur sehr kurz durch den duty free Bereich gegangen, der in São Paulo wie in allen Flughäfen schrill durch Wege in Schlangenlinien führt zwischen den fantastischen Luxus-Waren. Unsere behinderte „Touristen-Gruppe“ passt da nicht hin. So blöde es ist, aber auch ich fühlte diese Fremdheit… Wir waren jedenfalls fast immer auf Kellerebene mit nacktem Beton glanzlosen Fahrstühlen und in endlos langen Versorgungs-Gängen.

In meiner Gruppe war eine junge Frau, die ich bereits auf dem Flug von Floripa kurz kennengelernt hatte, weil sie so gesund wirkend dennoch den Begleit-Service nutzte. Sie erzählte mir, dass sie taubstumm ist, in Zürich lebt und drei Kinder hat oder betreut. Ich konnte ihre gehauchte Stimme erstaunlich gut verstehen — vielleicht, weil meine eigene Schwerhörigkeit mich im Lippenlesen geübter gemacht hat. Ich spürte plötzlich in mir das mir altbekannte, bedrohliche und sehnsuchtsvolle Liebes-Trauma erwachen, das ich als 9-Jähriger erlebt und durchlitten hatte. Immer noch wirkte dieses traumatische Erlebnis bei mir 84-Jährigem: sehnsuchtsvoll-schmerzhaft und bedrohlich. So bewegten wir uns eine Zeit lang parallel durch diese eigenartige Flughafenszene, deren aufgesetzte glänzende Verkaufswelt mir nun noch schräger vorkam. Die kalte Betonwelt dagegen war mir fast anheimelnd. Ich erlaubte mir in aller Distanz dieses taubstumme Wesen zu geniessen – sie wirkte dabei zart, freundlich und still, und wenn sie zu ihrer gehauchten Sprache leicht ihre taubstummen Zeichen-Hände bewegte, hatte das etwas Feenhaftes. Ich war in der halben Stunde unseres Gruppenreisens ein wenig ihr Vermittler für ihre Fragen – genoss es sehr, denn sie hauchte mir Ihre Worte nah vor meinem Gesicht, zum Lippenlesen. Irgendwann am Gate verloren wir uns wieder – wie das auf Reisen eben geschieht.

Ich konnte aber das zarte Gefühl der Verwunderung bei mir halten, Verwunderung über uns alle in diesem seltsamen, rührenden Flughafen-Theater zwischen Hilflosigkeit, Würde, Liebe, Chaos. Ich fühlte mich meiner Welt des Alters zugehörig, fühlte mich wehmütig, warm und lebendig. Im Flieger dann hatte ich genügend Zeit, nachzufühlen, ob und wie Behinderung bereichert – und wie es wohl wäre, mit einer taubstummen Liebe zu leben… und ich hoffte, dass diese Reise noch weitere, kleine Prüfungen und überraschende Begegnungen bereithalten könnte – aber bitte nicht zu doll!

Naja, und immer geht’s weiter – ob ich will oder nicht