Rainer Wetz
Lohsestrasse 55
50733 Köln
Was ist Glück / Erfolg für Dich? – fragt der Junge. – „Lieben „- antwortete die Maulwurfsfrau. – Und was liebst Du am Meisten fragte der Junge? – „Kuchen“ – antwortete sie
Von Victoria, unserer Freundin und Architektin, haben wir dieses wunderbare Buch bekommen, in dem ein kleiner Junge mit einer Maulwurfsfrau, einem Fuchs und einem Pferd Abenteuer erlebt. Dabei befragt er, wie eben Kinder es machen, mit tiefgründigen Lebensfragen diese völlig unterschiedlichen Freunde… wunderschön.
Ich selber nutze das Buch zum Portugiesisch lernen, schreibe mir die Worte raus, die ich lernen möchte. Und mein Portugiesisch-brasilianisch, hat sich schon sehr verbessert. Obwohl mein Hirn die Worte nicht mehr so einfach abspeichert. Ich muss sie schon sehr häufig wiederholen und da helfen mir diese poetischen Szenen sehr.
eigentlich wollte ich heute mir zur Erinnerung und euch zur Unterhaltung beschreiben, wie so ein einfacher Tag bei mir hier abläuft. Wobei es eben zwei Arten gibt:
In bestimmt 70 % meiner Tage bin ich alleine bis auf die 3 bis 4 Stunden, die Ana jeden Arbeitstag in der Woche kommt, um durchs ganze Haus zu wischen und Küche und Zimmer aufzuräumen, Wäsche waschen – und inzwischen macht sie mir meine lieblingsspeise Feijão, dunkle Bohnen… naja… Ansonsten aber bin ich den Tag mit mir alleine und das zu 100 % am Wochenende. Wenn es mir gut geht, ist dieses Alleinsein eine große Bereicherung, ja Freude und Glücksgefühle!!! Geht es mir aber schlecht, dann schiessen Ängste hoch – Einsamkeit als selbstverschuldete Unfähigkeit von mir, taucht massiv auf. Scheußliche Versagens-Bilder und Gefühle aus früher Kindheit (Krieg und die noch bewusstere Nachkriegszeit) sowie in der Nachfolge aus meinen Beziehungen (von meiner Mutter bis zu meiner letzten Liebe) besetzen mich und versuchen mich wieder traumatisch festzunageln. Und da muss ich dann durch! Und inzwischen kann ich das wahrnehmen und auch aushalten bis es nachlässt. Natürlich hilft es, wie in den letzten 40 bis 50 Jahren, ganz positiv, irgendwas in der Aussenwelt zu kreieren: mich in eine Beziehung stürzen mit der Hoffnung …., oder eine Heimat irgendwo aufbauen oder etwas reparieren oder halt ne Aktivität, die die negative traumatischen Ängste, auf einer analogen Ebene positiv verdrängt und/oder löst. Trauma also nicht nur Drama, sondern nützliche Lebensbewältigungs-Strategien im spezifisch-individuellem Weg. Damit ist es für mich in meinem Alleinsein (örtlich wo auch immer) sehr spannend meine Entwicklungen, Handlungen, Entscheidungen, Rastlosigkeiten, Möglichkeiten zu lieben etc. etc. zu überdenken, wahrzunehmen. Und viel kann ich einfach nur den Kopf schütteln und habe auch oft Schwierigkeiten es positiv zu belegen. Ich finde mich – in Summe bisher unterm Strich – nicht sehr toll.
Ich teile ja mein Leben in die 7er Schritte ein… Die ersten 7 Jahre sehr gut sehen und auch verstehen. Mir tut der kleine Kerl von damals wirklich leid, mit seiner chaotisch bedürftigen Mutter und dem älteren Bruder, der seinen kleinen Bruder als Nebenbuhler hasste. Er hat sich so tapfer durchgekämpft, obwohl er überhaupt nicht verstanden hat, was sich da alles abspielt. Aber irgendwie musste er das Jeweilige bewältigen. Und so hat er bewundernswert Strategien entwickelt, in einer chaotisch, unverständlichen bis feindlichen Welt sich zu behapten. Irgendwann erzähle ich gerne, wie dieser kleine Kerl Krieg, Bomben, Keller, Hunger, Kälte erlebt hat und eben auch das Gegenteil….
Wahrscheinlich Herbst 1945: Meine Mutter, mein Bruder, mein Opa und sind in einer Art Hotel, wo morgens und Abends ein Essen auf den Tisch kam, den eine rundliche, laute junge Bedienung servierte. Und sie holte das Essen aus einem Essenslift, der aus der Küche im Keller kam, wo sie und andere die Speisen bereiteten. Dort hat es wunderbar gerochen und ich durfte manchmal rein – aber nur, wenn wenige drin waren. Und immer bekam ich ein klein wenig was zu essen – und ich glaube, sie war meine erste Liebe. Ich fühle heute noch, wie sie immer mich wie ein Baby in ihre Arme nahm, mein Gesicht in ihre weiche, duftende Welt drückte und mich überall rauf und runter krabbelte. Und so beschloss ich, zu ihr zu fahren in die Kellerküche, in den Essensaufzug mich zu klemmen und zu warten bis die unten den Aufzug runterholen – ich bin gestorben vor Angst und Anspannung… und habe gewartet – gewartet – gewartet. Plötzlich ein Ruckeln und unten hörte ich dann plötzlich laute Stimmen. Die Türen schlossen sich automatisch – es gab kein zurück mehr, ich war gefangen und der Fahrstuhl setzte sich ruckelig in Bewegung – es wurde dunkel – schwarz, schwärzer, tot. —– ich bin vor Entsetzen ohnmächtig geworden. Ich erinnere nur noch, dass ich nass von Angsttränen – oder hatte ich in die Hose gemacht? – in ihren Armen am weichen, begrüssenden Busen lag, den wunderbaren Küchenduft an ihr roch und hörte ihre bewundernden Schreie – sie war herrlich laut und ich am Leben – und eine Salzbrezel mit dick Butter kam noch dazu!!
Wie ich später erfuhr, waren wir alle 1945 im Sommer in Stockach am Bodensee. Mein Großvater war gerade Chef des Stichbahnhofs in Baden-Baden geworden, denn Baden-Baden war die Hauptstadt der französischen Besatzung – dieses Gebiet reichte ja von Rastatt kurz vor Karlsruhe im Norden bis zur Schweizer Grenze im Süden. So konnte er kostenlos im Lande Baden herumfahren und konnte auch unsere er-hamsterten Nahrungsmittel abtransportieren, ohne dass die französischen Soldaten es konfiszieren konnten – sie waren ja genau so hungrig. Wir konnten – wie meine Mutter erzählte – nicht mehr auf dem Bauerhof Maletzreuthe bleiben. Der brutale Bauer vertrieb uns direkt nach Kriegsende – Er rächte sich, weil meine Mutter ihn nicht an sie ran ließ. Seine Frau aber wollte uns behalten, einmal liebte sie mich besonders, und sie schätzte sehr die Solidarität meiner Mutter. Aber zu der Zeit war die Stimme des Mannes entscheidend, auch wenn er ständig besoffen war, unfähig überhaupt normal zu reden, aber eben angst-erregend und männlich! Aber es gab noch mal einen anderen Grund, dass meine Mutter nicht ungern den Bauernhof verliess. Sie musste auch für die Familie in B.-Baden sorgen. ging mit uns, denn wir waren sehr erfolgreich im Hamstern. Und das lag, wie meine Mutter erzählt hat, sehr an mir, weil ich ein warm-herzig freundliches, extrem zartes Knäblein war, so dass wir wirklich Mitleid erregten. Wir hatten aber auch Zigaretten, die mein Opa im Economat von Baden-Baden geklaut hatte. Damals gab es für mich das Wort „hamstern“ nicht – ich sprach immer von „betteln“. Und so trafen sich meine Mutter und ihr Vater in Stockach, direkt hinter Radolfzell, wo die Grenze war zwischen Englischer und Französischer Zone. Mein geliebter Opa war auch SPD-Vorsitzender des Landes Baden. Nur in diesem ländlichen Nazi-Gebiet, jetzt beginnend CDU/CSU war „Sozi“ noch ein Schimpfwort und durfte von uns nicht ausgesprochen werden… Angst erregende Regel – aber warum?? Es war alles unklar, niemand hatte Zeit oder war da, um mir zu erklären, was sich hier abspielt. Auf irgendeiner Ebene wusste das wohl auch niemand so wirklich, was sich hier abspielt, wie sich das alles zurecht richtet. Den Bauern war’s egal, ob die Nazis dran sind oder irgendwelche anderen Leute – die hatten immer was zu essen. Und Hauptsache keine Fremden. Kartoffel, Mehl, die ich mit meiner Mutter er bettelte, hat mein Großvater oder ihm verbundene Lokführer dann von Stockach jeweils nach Baden-Baden zum Bahnhof gefahren und dort hat die Großfamilie begeistert die Nahrungsmittel in Empfang genommen. So haben wir im Baden-Badener Bahnhof dann die chaotische, ungeklärte Zeit von der Kapitulation bis 1949 Währungsreform verhältnismäßig gut überstanden. Auch war toll, dass die ältere Schwester meiner Mutter (Tante Lore) ebenfalls in Baden-Baden wohnte und zusammen mit ihrem Freund Bühler, der ein reicher Schweizer Major war, einen Verlag aufbaute. Und die haben tolle Feste veranstaltet und da ist immer Essen für uns Kinder abgefallen. Wenn ich Tante Lore, zusammen mit Dieter besuchte, haben wir immer geklingelt an ihrem Haus und gerufen: „Die dankbaren Mülleimer sind da!“ Das hatte auch ne tragische Seite, denn häufig trafen wir am Eingang ein Mädchen, ich habe den Namen vergessen, die hat auch geklingelt und sich „dankbarer Mülleimer“ genannt und hat auch immer was bekommen von Tante Hilde. Eines Tages war sie nicht mehr gekommen und sehr viel später habe ich gehört, dass ihr Vater damals verhungert ist und die Mutter hat Selbstmord gemacht, und das Mädchen ist dann vom Bühler in die Schweiz gebracht worden, um dort in irgendeiner Familie zu überleben. Diese Kriegsjahre mit dem Herumirren Deutschland, dann die Jahre des Bettelns / Hamsterns mit all den unverständlichen Schrecken stecken so tief in mir – beim Aufschreiben fühle ich eine eigenartige Leere und meine Arme vibrieren. Ich hör auf… Und gehe jetzt im sicheren Brasilien-Haus, das mir gehört, das einen vollen Kühlschrank hat, raus in den noch sonnigen Garten und esse ein Butterbrot mit Salz – das musste ich mir nicht er-betteln! Wie gut!
Hier ist ein Foto aus meiner Standard Route über die Dünen… schreib ich später.

