November 2023

Mit diesem Blick bin ich jeden Morgen aufgewacht. Insgesamt habe ich hier knapp drei Wochen gewohnt, ganz alleine für mich (Airbnb Wohnung). Da die gesamte Umgebung keine andere Sprache als Portugiesisch drauf hatte, war ich auf wunderbare Weise ganz auf mich geworfen und auch isoliert. Das war manchmal schon auch bedrückend. Auf dem Bild ist der Kanal zu sehen zwischen Lago und Atlantik. Er ist circa 2 km lang rechts und links liegen Fischerboote, die entweder in der Lago fischen, aber zumeist draußen auf dem Meer. Und diese Fischer Welt hat mich sehr fasziniert und angesprochen. Ich glaube, hier habe ich beschlossen oder zumindest mehr sehr gewünscht, auch fest wohnen zu können. Es nennt sich Barra de Lagoa.

Das Folgende habe ich irgendwann im April 2023 geschrieben und – so, glaube ich – niemals abgeschickt. Deshalb schicke ich euch und mir diesen Text für das damalige Anschreiben. Und wieder nutze ich die alte Technik: ich diktiere tatsächlich einfach runter, was mir so einfällt und lese es nachher aber noch mal durch, um grobe Fehler und falsche Notierungen durchs Programm auszubessern. Aber ich habe mir geschworen, nichts massiv zu verbessern oder „schön“ zu schreiben.
Vor Monaten habe ich mein brasilianisches Tagebuch für mich geschrieben und euch alle mit integriert, Weil ich mich überfordert gefühlt habe, mit jedem einzelnen zu kommunizieren. Das hat wirklich mir Freude gemacht, doch etwas genauer und „allgemeiner“ – eben nicht so personenspezifisch zu schreiben. Von eurer Seite habe ich Feedback bekommen, eher so in Richtung: „Ach das ist ja unterhaltend, ja da weiß ich jetzt genauer wie es ihm geht etc. Wenn wir jetzt uns sprechen oder treffen, dann haben wir doch ne gemeinsame Grunderfahrung und können spezifische individuelle Punkte genauer beleuchten und ausdiskutieren“. Es gibt aber auch Freunde, die haben sich nur einmal eingewählt oder eben einfach nie eingewählt. Und so soll es ja auch sein.

Ich könnte ja an Euch alle per Linkedin oder… Aber da muss ich mich erst einarbeiten. Jetzt nehme ich mein altes, selbst entworfenes Modell wieder auf, weil ich es kenne und weil ich wirklich unter Druck bin, beziehungsweise ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mit keinem von euch wirklich in Kontakt sein kann. Es geht natürlich mit den Freunden, die in Köln leben eher. Berlin fällt fast ganz aus und so hab ich jetzt zum Beispiel gerade ein wenig Zeit und bin sehr unter Druck gekommen, wem ich jetzt eigentlich schreibe. Luisa, Barbaras Nichte und Patenkind, Bernd in den USA, Manfred und Rosi in Aachen, Akasha in Bali, Tineline in Osaka und Werner, mein lieber Cousin in Heidelberg und und und. Und wenn ich da anfange drüber nachzudenken, wem ich zuerst schreibe, komme ich völlig durcheinander und bei meinem zweifelsohne eingeschränkten Kräfte und Energiehaushalt ist schnell die Zeit vergangen und ich habe nichts gemacht. Generell ist es bei mir so anders, nach meinen Operationen. Ich bin sehr langsam geworden und ich bin ständig beschäftigt mit meinem Glukosewerten, mit meiner Mikro Biotischen Seite, Vitamine und Enzyme, meiner Ernährung, meinem Energie Haushalt. Bin ich zum Beispiel mehr auf der depressiven Seite, dann kann es mit irgendwas zusammenhängen, das ich mit Medikamente beeinflussen kann, oder es ist eben ein dunkler Fleck in meiner Vita. Alles nicht so einfach auseinander zu halten. 

Deshalb schreibe ich hier ganz kurz: 
– Seit (März 23) bin ich wieder in Deutschland bin, ich war mit Daniel im Dezember 22 nach Florianopolis geflogen, hin und zurück geflogen – wunderbar!!!! 
– danach war ich noch kurz in Berlin, die Wohnung zu verkaufen (vor 2 Wochen beim Notar) und Freunde treffen, Hausboot versorgen etc.
– am 16. Juli war ich dann nochmal mit Daniel nach Florianopolis, wo wir ein Haus / Häuschen gekauft haben am Atlantik. Am 2. August sind wir wieder zurück nach Köln. Ich kann mir vorstellen, zukünftig die Schmuddel-Winterzeit in Brasilien zu verbringen.
– meine Wohnung in Berlin habe ich notariell verkauft vor 2 Wochen – natürlich ein doofer Zeitpunkt, die Zinsen und Inflation waren gestiegen und die Immobilienpreise gingen in den Keller. Ich hatte aber keinen großen Verlust, da die Lage der Wohnung sehr gut ist. Aber ich will das Geld für eine Alternative zu DE und Europa. 
– Bei allen meinen Aktivitäten ist Daniel mir extrem hilfreich mit liebevoller Unterstützung. Hoffentlich übernimmt er sich nicht. Das Gute ist ja: er hat wirklich gute, warmherzige Freunde dort in Floripa, mit denen er mit seinem perfekten Brasilianisch quatschen kann. Ich dagegen kann mich nur über Englisch oder Französisch einbringen. Und damit kann ich ihm Gott sei Dank so nicht in die Quere kommen. Ich bin schon ein blöder alter Zirkusgaul.

Ich habe keine Kommunikationsmöglichkeit in diese Info-Tagebuch eingebaut. Ich will die individuellen Beziehungen zu jedem von Euch weiter aufrecht erhalten in der jeweiligen individuellen Struktur. Bitte nutzt also für Kommentare oder Fragen oder Lust, mit mir zu „reden“ die bisherigen Kanäle wie Telefon, Brief, WhatApps, Email etc.. Unsere bisherige Kommunikation soll nicht ausgehebelt sein, sondern eher gefördert werden!

Ich werde hier versuchen, keine „Interna“ oder tiefgehende Philosophien loslassen, sondern hauptsächlich Infos vermitteln, wo ich gerade stecke, mit was ich mich gerade auseinandersetze, und dazu vielleicht einzelne Geschichten erzählen, um die jeweilige Ort-, Lebenssituation sinnlicher erfahrbar zu machen – eben auch für mich zur Erinnerung. Ich befürchte natürlich, dass ich da auch mal daneben haue – vergebt mir bitte.

Und wenn Du Dich/mich fragst, wieso ich mir diese Arbeit mache, mein Tagebuch öffne , so so fallen mir gerade drei Aspekte ein, Effizienz –

Der vordergründige erste Aspekt ist effiziente Aspekt. Mir ist dieser Aspekt als POSITIVUM überhaupt erst deutlich geworden in den 14 Tagen, in denen Barbara 2014 im Sterbeprozess war. Sie konnte die vielen notwendigen oder möglichen Besuche überhaupt nicht ertragen. Wir waren ja beide der Ansicht, bald wieder in der Lohse zu sein – und dann alles als Albtraum vergessen zu können. Sie hatte mich gebeten, niemanden ins Krankenhaus zuzulassen. Und so war ich dann in den ersten Tagen abends wahnsinnig in Telefonate und E-Mails und WhatsApp verstrickt, allen auf Ihre Fragen zu antworten. Andererseits waren auch viele ganz verstummt, weil sie um die notwendige Ruhe wussten – und da habe ich damals die erste Form des Blogs gefunden, in dem ich jeden Abend oder in der Nacht versucht habe zu schreiben, was los ist, so dass alle, die an diesem Blog teilnahmen, so gut wie möglich informiert waren. Barbara hatte mir damals zwar erst mal untersagt, allen zu schreiben. Als wir dann spürten, dass wir das „Nichtdenkbare“ nicht verschweigen koinnten, war die einzige Möglichkeit, alle zu informieren und sie vom Besucher Strom ins Krankenhaus weg zu halten. Und ich weiß noch, dass ich damals total Schwierigkeiten hatte, weil ich immer Angst hatte, larmoyant, tränenselig oder pseudo-stark zu schreiben.

Ich habe in meinem Leben ziemlich viel Menschen, die mir nah sind. Wenn ich mit jedem telefoniere und vermittle wo ich gerade bin, wie ich arbeite, dann muss ich bei vielen erst mal miteinander besprechen, wo wir jeweils sind, was ich in den letzten Wochen Monaten getan hat wie sich die Entwicklung mit den Kindern aufgezeigt hat… Und das kostet wahnsinnig viel Zeit. Und wenn ich zum Beispiel mit drei Aspekte: der erste Aspekt ist ein sozialer.- narzisstische Störung? Doris Dörre hat in ihrem Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ so dazu geschrieben: 
„Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst. Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Es ist abwechselnd wunderbar, schmerzhaft, narzisstisch, therapeutisch, herrlich, befreiend, tief‌traurig, beflügelnd, deprimierend, langweilig, belebend. Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt. Wir sind alle Geschichtenerzähler. Vielleicht macht uns das zu Menschen. Vielleicht haben wir auch nur keine Ahnung, welch großartige Geschichtenerzähler Katzen oder Dromedare sind. Wir können nicht aufhören zu erzählen. In einem endlosen inneren Monolog erzählen wir uns Geschichten über uns selbst. Manche davon sind wahr, einige nur ein bisschen, andere überhaupt nicht.“


Dörrie, Doris. Leben, schreiben, atmen (German Edition) (S.9). Diogenes Verlag. Kindle-Version.